Ein Statement zum Hexendenkmal vom 19.12.2014

Wenn es stimmt, dass Menschen aus Fehlern lernen können, dann ist die Geschichte eine gute Lehrmeisterin. Voraussetzung ist freilich, dass Geschichte unverfälscht und unverbogen erinnert, dass nichts wesentliches weggelassen und nichts unverbürgtes hinzugefügt wird.

Unser Thema heute ist der Hexenwahn, der auch in dieser Stadt einst furchtbar gewütet hat. Dieses historische Ereignis ist ein Lehrstück, an dem sich zum einen aufzeigen lässt, wohin religiöser Fanatismus, Hass auf Andersdenkende und die skrupellose Instrumentalisierung von Ängsten der Menschen durch die Mächtigen führen können.

Zum anderen zeigt uns dieses Beispiel, wie immer wieder versucht wird, Geschichte umzudeuten und zu verfälschen, um sie für politische bzw. ideologische Zwecke nutzbar zu machen.

Aus einer verfälschten Geschichtsdarstellung können nur falsche Lehren gezogen werden! Neulich wurden nach der Vorführung des Films, den wir eben gesehen haben, dubiose Thesen aufgestellt.

Da wurde zum Beispiel gesagt, weder die römische Kirche noch die mit ihre verbündeten und verbandelten staatlichen Obrigkeiten seien vor 400 Jahren für Entstehung und Ausbreitung des mörderischen Hexenwahns verantwortlich gewesen. Vielmehr sei der von der Bevölkerung ausgegangen. Kirche und Obrigkeit hätten ihn nur in geordnete Bahnen gelenkt, um Schlimmeres – wie zum Beispiel Lynchjustiz – zu verhindern.

Wie viele Geschichtslügen, so enthält auch diese einen wahren Kern. Denn es stimmt ja: immer wieder forderten damals Menschen, vor allem solche aus ländlichen Räumen, lauthals die Verfolgung von Hexen und Zauberern.

Aber warum taten sie das?

Europa durchlitt damals eine Periode extrem langer und kalter Winter, die sogenannte „kleine Eiszeit“. Die Folgen waren Dürren, Ungezieferplagen sowie Frost-und Hagelschäden, die zu Ernteausfällen und hohen Lebensmittelpreisen führten. Für die Masse der Menschen bedeutete das Hunger, Elend und Not.

Was war dagegen zu tun? Die Antwort auf diese Frage bekamen die Menschen von den Kirchenkanzeln. Sie war schlicht und eingängig: Verantwortlich für alles Böse und Schlechte in der Welt ist der Teufel als Widersacher Gottes. Die Werkzeuge des Teufels sind Hexen und Zauberer. Vernichtet man diese, beseitigt man Not, Unglück und Leid.

Wir erkennen hier ein historisch vielfach erprobtes, immer wieder gern benutztes Argumentationsmuster:

Armut, Hunger, Krankheit und Not sind nicht Folgen feudaler Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, gegen die sich die Bauern noch wenige Jahrzehnte zuvor im Aufstand der Bauernkriege gewehrt hatten (was die Herrschenden keineswegs vergessen hatten!), sondern Werke Satans und seiner Helfer, der Hexen und Zauberer. So ließ sich der Hexenwahn hervorragend als Ventil zum Ausgleich von Spannungen zwischen der verarmten Bevölkerung auf der einen und Obrigkeit und Kirche auf der anderen Seite einsetzen. Gleichzeitig diente die Hexenverfolgung der Füllung der stets klammen Fürstenkassen, da ja große Teile des Hexen-Vermögens vom Staat eingezogen wurden.

400 Jahre später besann man sich erneut auf das bewährte Rezept: „Die Juden sind unser Unglück“ verkündeten jetzt die Nazis. Sind erst die Juden vernichtet, ist die Welt gerettet, wurde den Menschen versprochen.

Immer kommt es darauf an, den Menschen einen „Sündenbock“ für das Unglück zu präsentieren, das sie bedrängt. Beschließt zum Beispiel die Regierung, einen Krieg zu beginnen, dann handelt es sich nicht einfach um einen Krieg, sondern um den Kampf des Guten gegen das Reich des Bösen (so in etwa die Kriegsrhetorik der US-Präsidenten Reagan und Bush). 

Ein für Kirche und Obrigkeit so nützliches Instrument wie der Hexenwahn fällt  natürlich nicht einfach so vom Himmel. Hier musste schon Gottes Stellvertreter auf Erden, der Papst, einmal selbst Hand anlegen. Papst Innozenz der VIII war es, der dem Hexenwahn mit seiner Bulle „Summis desiterantes“ (Deutsch: „In unserem sehnlichsten Wunsche“) 1484 System und Struktur verlieh. Zu Inquisitoren ernannte er die Dominikaner Henricus Institoris und Jacob Sprenger und ermächtigte sie zur Durchführung des kanonischen Inquisitionsverfahrens gegen die Hexerei. Mit dieser Bulle wurde Innozenz VIII der moralische und faktische Urheber der deutschen Hexenprozesse. 1487 besiegelte der von Institori und Sprenger verfasste sog. „Hexenhammer“ (lat. „Malleus maleficarum“) die systematische Etablierung der Hexenverfolgung. Die Mönche fassten darin die einzelnen Punkte des Hexenwahns kasuistisch zusammen und lieferten so dem weltlichen Strafrichter das Gesetzbuch, nach dem er zu urteilen hatte. Kernpunkte: An die Stelle einer Anklage tritt die Denunziation, an die Stelle der Beweisführung das durch Folter erzwungene Geständnis.

Das große Morden konnte beginnen.

Von Anfang an spielte das Kurfürstentum Mainz als eine der damals bedeutendsten politischen Mächte in den deutschen Landen eine führende Rolle bei Entstehung, Organisation und Durchführung der Hexenverfolgung.

Kurfürst Johann Adam von Bicken (1601 – 1604) setzte zu Beginn des 17. Jahrhunderts die erste großangelegte Verfolgungsphase im Erzstift in Gang. Die Hexenprozesse im Erzstift Mainz erreichten eine Sozialdisziplinierung großen Stils. In den Räumen Aschaffenburg, Amorbach und Freigericht wurden etwa 650 Menschen hingerichtet. Sein Nachfolger Johann Schweikhard von Kronberg (1604 – 1626) brachte es „nur“ auf 361 Opfer. Dabei fällt auf, dass unter Kronberg der Anteil der verurteilten Männer von unter zehn Prozent sprunghaft auf fast 30 Prozent anstieg. Unter Kronbergs Nachfolger Kurfürst Friedrich von Greiffenklau (1626 – 1629) kam es zu 768 Verurteilungen, wobei sich dieser Fürst auf die  Zuarbeit eines der eifrigsten Hexenverfolger in den deutschen Landen, den Aschaffenburger Stadtschultheißen (von 1624  bis 1651), Nikolaus von Reigersberg, stützen konnte.

In der Diskussion über gravierende Ereignisse in der Geschichte wird immer wieder gerne das Argument der „Zeitumstände“ vorgebracht, die den Menschen angeblich gar keine andere Möglichkeit ließen als so zu handeln, wie sie gehandelt haben.

Wir kennen dieses Argumentationsmuster zum Beispiel auch aus der Diskussion über den Nationalsozialismus und der Behauptung, zwischen 1933 und 1945 sei dem Volk gar nichts anderes möglich gewesen, als kollektiv einem wahnsinnigen Verbrecher zu folgen.

Beispiele für den Widerstand gegen das Unrecht werden dabei stets gern verschwiegen, einfach weil sie der eigenen Argumentation widersprechen: Wenn es Menschen gab, die widerstanden, dann waren die berühmten „Zeitumstände“ also doch nicht so alles beherrschend und unüberwindlich wie behauptet!

Wie gehen wir mit unserer Geschichte um?

Was erinnern wir?

Was vergessen und verdrängen wir?

Ich möchte versuchen, das an zwei konkreten Beispielen deutlich zu machen.

Ich nehme dazu zwei Mainzer Kurfürsten des siebzehnten Jahrhunderts.

Der eine ist Kurfürst Johann Christoph Schweikhard von Kronberg. Er regierte von 1604 bis 1626 und sorgte für 361 verurteilte und hingerichtete Hexen und Hexer. ( darunter: ein 13 jähriges Kind).

Der zweite war Kurfürst Johann Philipp von Schönborn. Er regierte von 1643 bis 1673 als wahrer Humanist und Menschenfreund. Als erster deutscher Fürst verbot er die Hexenprozesse und leitete das Ende des Hexenwahns in den deutschen Landen ein.

Preisfrage:

Den Namens welches dieser beiden Mainzer Fürsten trägt heute, 2014, ein Gymnasium in Aschaffenburg?

Sie haben richtig geraten! Selbstverständlich Kronberg!

Ich bin sicher, dass Sie auch auf meine zweite Frage die richtige Antwort finden werden.

Da gibt es die Person des ehemaligen Aschaffenburger Stadtschultheißen Nikolaus Reigersberg. Er war mit großem Eifer zuständig für die Verfahren gegen „Hexen“ in Aschaffenburg, der Zehnt vom Spessart, der Zehnt Mönchberg und im Amt Wörth und erzielte aus den Prozessen immense Gewinne. So wurde er zu einem Großverdiener der Hexenverfolgung. Wiederholt bedachten ihn auch Verurteilte in ihren Testamenten, was besonders vor dem Hintergrund der Tatsache bemerkenswert ist, dass er ja über Art und Dauer der Folter der Angeklagten zu entscheiden hatte.

Reigersbergs enormer Vermögenszuwachs war so auffällig, dass er sich wiederholt dem Vorwurf der Bereicherung im Amt ausgesetzt sah. Diesbezügliche Klagen beim Reichskammergericht konnte er allerdings mithilfe seiner guten Beziehungen zum Kurfürsten niederschlagen. Außerdem hatte er sich in „weiser Voraussicht“ am 2. Oktober 1628 vom Dekan des Aschaffenburger Peterstifts einen „Persilschein“ ausstellen lassen, der besagte, dass er sich „in der Inquisition wegen der Zauberei richtig verhalten“ habe.

Ein weiteres Beispiel für das „einnehmende Wesen“ dieses Herrn: Im 30jährigen Krieg brachte er die Stadtkasse vor den heranrückenden Schweden in Sicherheit. Als die Kasse nach dem Abzug der Schweden zurückkehrte, war sie leer.

Zur selben Zeit gab es die Aschaffenburger Jesuiten. Durch ihre Tätigkeit als Beichtväter der in Lohr angeklagten Hexen gelangten sie bald zu der Überzeugung von deren Unschuld. Sie nahmen gegen die Hexenprozesse Stellung und legten Widerspruch beim damaligen Lohrer Amtmann Ludwig von Kerpen ein, der selbst seit langem Zweifel an der Richtigkeit der Hexenverfolgungen hatte.

Oder es gab den Lohrer Kaplan Andreas Henricus, der die Existenz der Hexen bezweifelte und das in einer schriftlichen Eingabe in zehn Punkten begründete.

Es gab den Eichenbühler Pfarrer Goll, der mit seinem mutigen Eintreten die Einstellung mehrerer Hexenprozesse erreichte.

Und es gab den Pfarrer Johannnes Raitzmann aus Großwallstadt, der Beschuldigten beistand und Hilfe gewährte.

Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Sie alle riskierten mit ihrem mutigen Einsatz gegen den kollektiven Wahn, selbst als Hexer angeklagt zu werden und auf dem Scheiterhaufen zu enden.

Jetzt meine Frage:

Nach wem ist heute, 2014, in Aschaffenburg eine Straße benannt und für wen wurde eine bronzene Ehrentafel aufgehängt:

Für die Henricus, von Kerpen, Goll, Johannes Raitzmann,  die Aschaffenburger Jesuiten?

Oder für den Großverdiener der Hexenprozesse Reigersberg?

Sie haben leider schon wieder richtig geraten!

Natürlich heißt die Straße Reigersbergstraße und die Bronzetafel am Geburtshaus in der Dalbergstraße erinnert ebenfalls an diesen „wahrhaft großen“ Mann!

Ich stelle fest:

Die Kulturstadt Aschaffenburg ehrt die Verantwortlichen und Haupttäter der Hexenverfolgung. Sie vergisst deren Opfer. Sie verschweigt den Widerstand der mutigen Zeitgenossen gegen den Wahn!

Das kann nicht sein! Deshalb fordern wir die Errichtung eines Denkmals als Zeichen der Erinnerung und als Mahnmal für die Lebenden - in einer Zeit, in der erneut tausende von Menschen einem religiös verbrämten Terrorfeldzug ohnegleichen zum Opfer fallen!

Die Stadt Gelnhausen hat ein solches Denkmal errichtet.

In seinem Plädoyer für ein Denkmal in der Stadt Bamberg hat Bürgermeister Werner Hipelius (CSU) erklärt:

„Eine von vielen geforderte öffentliche Entschuldigung ist nötig. Aber Worte sind rasch geschrieben, rasch verlesen und rasch vergessen. Die glaubwürdigste Entschuldigung ist die beständige Erinnerung an die Leiden der unschuldigen Opfer.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht die Hoffnung, dass solche Einsichten endlich auch in Aschaffenburg Einzug halten möchten!

Frank Sommer                         Aschaffenburg, den 19.12.2014