Der Fall Margarete Rücker

Ende Oktober 1611 wurde Barbara Schöffer, Tochter des als Zauberer hingerichteten Georg Metzger aus Kleinwallstadt als „Hexe“ denunziert, verhaftet und eingekerkert. Bereits in ihrem ersten Verhör Anfang November 1611 nannte sie unter der Folter mehrere Namen weiterer angeblicher „Hexen“. Darunter befanden sich auch zwei Frauen aus Aschaffenburg: Elisabeth Strauß, genannt „die Kreutzschneiderin“ und Margarethe Rücker, die Karpfen-Wirtin.

In ihrem ersten „gütlichen“ Verhör, also noch ohne Folter, wiesen beide Frauen alle Anschuldigungen von sich. Auch bei der Konfrontation mit ihrer Denunziantin Schöffer blieben die Frauen bei ihrer Aussage.

Am 23. November wurden Elisabeth Strauß und am 24.November Margarethe Rücker „peinlich“, das heißt unter der Folter, verhört. Nachdem man sie mit „Krebsen beschraubt“ und danach fünf Mal „hochgezogen“ hatte, „gestand“ Elisabeth Strauß, sich bereits vor 30 Jahren dem Bösen verschrieben und als Hexe gewirkt zu haben.

Nach unvorstellbaren siebzehn „Aufzügen“ verlor Margarethe Rücker das Bewusstsein. Trotzdem befahl der Centgraf die Fortsetzung des Folterverhörs. Vergeblich! Sie blieb standhaft. Schließlich musste die Folter ergebnislos beendet werden. Margarethe Rücker hatte trotz unvorstellbarer Qualen nicht gestanden!

In den Aufzeichnungen ihrer Verfolger wird behauptet, zwei Tage nach dem überstandenen Folterverhör habe sich Margarethe Rücker freiwillig zu einem neuen Verhör gemeldet, ein volles Geständnis abgelegt, dass sie eine „Hexe“ sei und zahlreiche weitere Personen der „Hexerei“ beschuldigt.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit können wir davon ausgehen, dass diese Behauptung gelogen ist. Sie ist auch vollkommen unlogisch! Denn warum sollte sich Margarethe Rücker nach bestandener Tortur selbst ans Messer liefern?

Viel wahrscheinlicher ist, dass man der gängigen Praxis jener Zeit entsprechend Margarethe Rücker angedroht hat, die Folterverhöre wieder aufzunehmen und so lange fortzusetzen, bis sie die „Wahrheit“ bekenne. Diese Vorstellung wird, so kann man mit Fug und Recht annehmen, die Widerstandskraft der gepeinigten Frau gebrochen haben. Elisabeth Rücker und Johanna Strauß wurden am 19. Dezember 1611 zusammen mit vier weiteren Verurteilten hinter der Agatha-Kirche mit dem Schwert enthauptet und verbrannt. Zuvor hatte noch der Ehemann der Karpfen-Wirtin beim Hofrat verzweifelt – aber natürlich vergeblich - um Gnade für seine Frau gefleht.

Die „Geständnisse“ der beiden Frauen lösten eine beispiellose, zwei Jahre währende Verfolgungswelle aus  – die bisher größte im Vizedomamt Aschaffenburg! 144 Menschen büßten ihr Leben ein! Geschätzt etwa 75 Prozent waren Frauen, 25 Prozent Männer. Mehr als 20.000 Gulden aus den Vermögen der Opfer wurden eingezogen und flossen in den Neubau des Aschaffenburger Schlosses.

Frank Sommer                       Aschaffenburg, den 19.12.2014